Freitag, 22. Juli 2022

Verschleierung der Funktionsweise des Geldsystems

Die EZB hat die negative Verzinsung von Einlagen am 21.07.2022 mit einer Anhebung ihrer Zinssätze um 50 Basispunkte beendet. Ich möchte am Beispiel des Artikels bei tageschau.de einmal exemplarisch aufzeigen, wie bestimmte Darstellungen aus meiner Sicht dazu beitragen, die Funktionsweise unseres Geldsystems zu verschleiern. Der geneigte Leser mag meine Ausführungen auch gerne mit den Ausführungen in Artikeln bei anderen journalistischen Medien abgleichen.

Bei meinen Zitaten beziehe ich mich auf den Stand des Artikels vom 21.07.2022 von 14:38 Uhr.

Zitat: „Die Hauptrefinanzierungsfazilität legt fest, zu welchem Zinssatz sich Banken über einen längeren Zeitraum Geld von der Zentralbank leihen können. Die Mindestlaufzeit beträgt hier eine Woche.“

Das erste Problem liegt bereits in der Verwendung des Wortes „leihen“. Die EZB hat kein Limit von einem Betrag X, welchen sie an die Banken verleihen würde. Stattdessen stellt die EZB den Banken über die als Tender bezeichneten Geschäfte Liquidität zur Verfügung, sofern die Banken ausreichende Sicherheiten hinterlegt haben. Diese Liquidität wird von der EZB in dem Moment erzeugt, in welchem die Gelder den Banken zugeteilt werden, und zwar in der Höhe, in der diese benötigt wird.

Ein weiteres Wort, welches in die Irre führt, ist der Begriff der „Hauptrefinanzierungsfazilität“ selbst. Hier ist nicht einmal den Journalisten ein Vorwurf zu machen, weil dieser Begriff aus einer Zeit stammt, in welcher die Vorstellung noch verbreitet war, dass Banken sich bei den Zentralbanken refinanzieren würden oder gar müssten. Inzwischen macht auch die Bundesbank deutlich, dass die Kreditvergabe von Banken in keiner direkten Abhängigkeit zur Liquiditätsbereitstellung durch die Zentralbanken steht. Die Referenz, dass hier weiterhin Geschäfte zwischen den Banken und der Zentralbank stattfänden, welche einer Refinanzierung dienen würden, führt also ebenfalls in die Irre.

Die MRO (Main Refinancing Operation) haben keine Mindestlaufzeit von einer Woche, sondern eine Laufzeit von genau sieben Tagen. Die Banken können die Laufzeit nicht frei wählen, sondern müssen jede Woche die Liquidität bei der EZB erneut beantragen. Die Tendergeschäfte mit längerer Laufzeit (LTRO - Long Term Refinancing Operation) haben seit der Finanzkrise 2008 und dem Zusammenbruch des Interbankenmarktes immer weiter zugenommen. Weshalb die Geldmenge, welche von der Zentralbank insgesamt bereitgestellt wird, inzwischen viel höher liegt als der Betrag, welcher nötig wäre, um die Mindestreservepflicht von einem Prozent zu erfüllen.

Zitat: „Steigt der Hauptrefinanzierungszins, so steigen nicht nur die Kosten für Banken. Die Geldinstitute geben die gestiegenen Kosten nämlich in der Regel direkt an Verbraucher und Unternehmen in Form höherer Zinsen auf Privat- und Firmenkredite weiter.“

Die Banken benötigen das Geld von der Zentralbank letztlich nur, um die Mindestreservepflichten zu erfüllen. Diese liegt bei einem Prozent aller Buchgelder, welche Banken ihren Kunden garantieren. Daneben dient das Zentralbankgeld den Banken untereinander dazu, ihre ungedeckten Buchgelder bei einer Überweisung von einer Bank zu einer anderen Bank zu decken, da eine Bank schließlich nicht in die Schuldverpflichtung einer anderen Bank einzutreten gedenkt. Wenn ein Kunde einer Bank also Buchgeld von seinem Konto auf das Konto eines Kunden einer anderen Bank überträgt, überträgt die abgebende Bank der empfangenden Bank den gleichen Betrag auch in Zentralbankgeld, damit die empfangende Bank nun die Verpflichtung der abgebenden Bank übernimmt und dem Empfänger der Überweisung einen entsprechenden Buchgeldbetrag schuldet und auf seinem Girokonto gutschreibt.

Bei einem funktionierenden Interbankenmarkt gibt es nur wenig mehr Zentralbankgeld als für die Mindestreserve von einem Prozent benötigt wird. Entsprechend erhöhen sich die Kosten für einen Buchgeldkredit von 100.000 Euro bei einer Anhebung des Hauptrefinanzierungszinses in Höhe von 0,5% für die benötigten 1.000 Euro Mindestreserve um 5 Euro. Während sich die Zinsen für den Kreditnehmer durch einen Anstieg seines Zinses von 0,5% um 500 Euro erhöhen. In der Regel geben die Banken also nicht einfach die gestiegenen „Refinanzierungskosten“ weiter, weil sie auch gar keine Refinanzierungskosten haben. Stattdessen nutzen die Banken den Anstieg des Hauptrefinanzierungssatzes dazu, die Gewinnspanne bei den Krediten deutlich zu steigern.

Zitat: „Die Hauptrefinanzierungsfazilität wirkt sich damit nämlich direkt auf die Höhe der Ausgaben, der Kreditaufnahme und des Sparbetrages innerhalb des Währungsraums aus. Sie spielt somit eine entscheidende Rolle im Bemühen die Geldentwertung zu stoppen und die Inflationserwartungen in den Griff zu bekommen.“

Direkt wirkt hier gar nichts. Es ist alles Psychologie und Unwissenheit über die Zusammenhänge. Es wird ein Zinssatz von der EZB angehoben. Da die Zusammenhänge unklar sind, können Banken in der Folge ihre Gewinnspannen im Kreditgeschäft mit Verweis auf gestiegene Kosten erhöhen. Es wird allerdings nicht geäußert, in welchem Verhältnis die Kosten für die Liquiditätsbeschaffung bei der EZB zu den steigenden Einnahmen aus dem Kreditgeschäft liegen. Es wird sehr interessant sein zu sehen, ob die bisherige Hilflosigkeit der EZB, die Inflation auf 2% pro Jahr ansteigen zu lassen, plötzlich nicht mehr existiert wenn es jetzt darum geht, die Inflation auf 2% zu senken, weil man sich nun wieder im Fahrwasser bekannter ökonomischer Theorien zu bewegen meint.

Zitat: „Mit dem Spitzenrefinanzierungssatz steuert die Europäische Zentralbank die Liquiditätsversorgung der Geschäftsbanken. Ein niedriger Spitzenrefinanzierungssatz führt tendenziell zu einer erhöhten Geldmenge sowie zu einer beschleunigten Geldumlaufgeschwindigkeit und damit zu einer anziehenden Inflation.“

Von einer Steuerung kann hier nicht wirklich die Rede sein. Im Regelfall lag der Spitzenrefinanzierungssatz immer um 0,25% über dem Hauptrefinanzierungszins. Diese Differenz soll dafür sorgen, dass die Banken bei der wöchentlichen Bedarfsplanung im Zuge der MRO bereits ihren Liquiditätsbedarf so planen, dass keine kurzfristigen Tender nötig sind. Diese kurzfristigen Kredite sind letztlich nur eine Notfalloption, weil Banken ihr Konto bei der EZB täglich ausgeglichen haben müssen. Wenn kurz vor Tagesschluss eine Bank noch einen größeren Liquiditätsabfluss ausgleichen muss und diesen über den Interbankenmarkt nicht mehr rechtzeitig ausgleichen kann, geht dies zu höheren Kosten immer auch über die EZB. Solange eine Bank genügend Sicherheit bereitstellt, kann sie hier beliebige Mengen bekommen. Es ist somit kein Instrument, bei welchem der Begriff der Steuerung angebracht ist. Es ist höchstens ein Instrument zur Disziplinierung, damit die Banken ihren Liquiditätsbedarf vorausschauend planen.

Es wäre interessant zu erfahren, warum ausgerechnet der Spitzenrefinanzierungssatz einen Einfluss auf die Geldmenge bzw. die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes haben sollte. Dabei erfolgt die Geldschöpfung losgelöst von der Liquiditätsversorgung durch die EZB. Die Spitzenrefinanzierungsgeschäfte sind auch aufgrund der vielen LTRO die absolute Ausnahme, wie im Bericht der Bundesbank vom Juni 2022 auf der Berichtsseite 17* abgelesen werden kann.

Zitat: „Gegenstück der Spitzenrefinanzierungsfazilität ist die Einlagefazilität der EZB. Damit werden Übernachtanlagen von Geschäftsbanken bei der Notenbank verzinst. Ist er positiv, verdienen Banken, die überschüssige Liquidität bei der EZB "parken", Geld.“

Die Spitzenrefinanzierungsfazilität ist kein Gegenstück zur Einlagefazilität. Nur weil beide für Kalkulationen „über Nacht“ herangezogen werden und bei einer Bank diese als Ausgaben und bei der anderen Bank diese als Einnahmen anfallen. Die Geschäftsbanken können auch nicht „entscheiden“, Liquidität bei der EZB zu parken. Ihr Guthaben an Zentralbankgeld liegt immer auf ihrem Zentralbankkonto, es existiert nämlich nur dort. Eine Bank kann einen Teil ihres Guthabens auf das Zentralbankkonto einer anderen Bank transferieren. Es bleibt aber immer bei der EZB. Die Liquidität auf den Zentralbankkonten zu verringern ist außerhalb von Tendergeschäften nur möglich, wenn eine Bank bei der EZB Banknoten bestellt. Die Auslieferung per Geldtransport und die anschließende Lagerung sind allerdings sehr teuer, weshalb der Negativzins auch nicht dazu geführt hat, dass Banken angefangen hätten große Mengen an Geldscheinen einzulagern.

Zitat: „Banken, die es nicht schaffen, überschüssiges Geld als Kredit weiterzuvermitteln oder anderen Banken Geld zu leihen, wurden dafür also von der EZB bestraft.“

Banken konnten Zentralbankgeld immer nur an andere Banken weitergeben. Allerdings benötigte keine Bank zusätzliches Zentralbankgeld. In 2021 überschritt die Zentralbankgeldmenge die benötigte Geldmenge für die Mindestreserve um mehr als das 23-fache. Siehe Monatsbericht der Bundesbank vom Juni 2022 auf Seite 42*.

Es ist nicht möglich das Zentralbankgeld zu verwenden, um damit Kredite außerhalb des Bankensektors zu vergeben. Somit konnte die Gebührenerhebung auch keine Bestrafung für nicht vergebene Kredite darstellen, denn zumindest die EZB sollte wissen, dass mit den Guthaben auf den Zentralbankkonten solche Transaktionen nicht möglich sind. Letztlich ist die Erhebung der Gebühren eher als Versuch zu werten, die Störung des Interbankenmarktes, welche seit 2008 besteht, endlich zu beheben. Aufgrund der Entwicklung der Überschussliquidität ist dieses allerdings offensichtlich nicht gelungen.

Zitat: „Die Banken hatten den negativen Einlagenzins teilweise direkt an die Privatkunden weitergegeben - in Form eines sogenannten "Verwahrentgelts".“

Die Gebühren, welche die Banken von ihren Kunden erhoben haben, entsprechen nicht irgendwelchen realen Kosten. Nur weil die Banken erhebliche Liquidität auf ihren Zentralbankkonten gehalten haben, hatten sie nicht wirklich Kosten in dem Umfang, wie dieses durch die falsche Darstellung der Verbindung zwischen Zentralbankguthaben und Buchgeldern der Kunden suggeriert wurde. Darüber hinaus waren Banken jederzeit in der Lage, eventuelle Kosten vollständig zu vermeiden.

Statt allerdings auf die Wiederbelegung des Interbankenmarktes zu setzen, hat die EZB sich entschieden, ab Oktober 2019 zusätzlich zur Mindestreserve, welche ohnehin nicht mit dem Negativzins belastet wurde, den Banken zusätzlich einen weiteren Freibetrag in Höhe der 6-fachen Mindestreserve einzuräumen, welcher ebenfalls vollständig vom Negativzins befreit wurde. Die Banken haben also auch in dieser Hinsicht keine realen Kosten weitergegeben, sondern den Negativzins genutzt, um ihre Einnahmensituation zu verbessern.

Zitat: „Sparer sollte das aber über eines nicht hinwegtäuschen: Der Realzins, also der Nominalzins abzüglich der Inflationsrate, dürfte noch sehr lange im negativen Bereich verharren.“

Klarzustellen ist, dass die Menschen über die Funktionsweise des Geldsystems getäuscht werden. Dabei wird nicht betrachtet, dass Menschen mit Erwerbseinkommen ebenso von der Inflation betroffen sind. Solange die Inflationsrate mit dem Verbraucherpreisindex (VPI) gleichgesetzt wird, lassen sich die Menschen viel leichter darüber hinwegtäuschen, wie viel ihr Geld bereits an Kaufkraft verloren hat, ohne dass dies im Warenkorb des VPI sichtbar wird. Der Anstieg der Geldmenge und deren ungleiche Verteilung werden nicht thematisiert, weil diese Themen Fragen aufwerfen könnten, in welchem Umfang die Kaufkraft eines Euros schon gesunken ist, wenn die Geldmenge so viel stärker zugenommen hat als das Warenangebot.

Fazit: Alles in allem irritiert mich die ungenaue Darstellung in einem solchen Artikel ungemein. Warum wird mit so vielen ungenauen bzw. sogar fehlerhaften Darstellungen gearbeitet? Fehlt es an Wissen zu diesem Thema? Das Geldsystem ist so ein elementarer Teil unserer Wirtschaft und damit unserer Gesellschaft. Das Geldsystem ist etwas, womit ich mich schon lange beschäftigt habe, daher fallen mir fehlerhafte Darstellungen in diesem Zusammenhang schneller auf. Dabei frage ich mich, in welchem Umfang solche ungenauen Angaben letztlich auch in anderen Berichten zu finden sind und wie es uns gelingt, ein korrektes Bild zu bekommen über die Gesellschaft, in welcher wir leben und wie sie funktioniert, damit wir sie gemeinsam verbessern können.